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// Gesellschaft
05.02.2020
Von: bg

So ein Mist! – Massentierhaltung gefährdet Trinkwasser


Massentierhaltung gefährdet Trinkwasser: RikoBest/shutterstock.com

Massentierhaltung gefährdet Trinkwasser: RikoBest/shutterstock.com

Der Nährstoffbericht der Landwirtschaftskammer Niedersachsen, welcher am 24. April 2019 veröffentlicht wurde, zeichnet ein dunkles Bild. Aus dem Bericht geht hervor, dass jährlich 50.000 Tonnen Stickstoff und 24.000 Tonnen Phosphat zu viel in die Böden und damit auch in das Grundwasser gelangen. Besonders betroffen sind davon Regionen, in denen große Mastbetriebe Gülle praktisch überproduzieren und diesen Überschuss auf bereits gedüngte Felder ausbringen. Das hat eine extreme Belastung des Grundwassers zur Folge, aus dem wohl das wichtigste Nahrungsmittel überhaupt gewonnen wird: Trinkwasser. Eigentlich soll laut der EG-Trinkwasserrichtlinie ein Wert von 50 mg/ l nicht überschritten werden, der aktuelle Nährstoffbericht zeigt, dass dies in einigen Regionen schon längst passiert ist.

Nicht nur offizielle Stellen überprüfen die Qualität der Wasserreserven, auch eine vom BUND ins Leben gerufene Aktion hat dazu aufgerufen, dass auch die Bevölkerung sich ein Bild vom Zustand regionaler Gewässer macht. In der „Aktion Wasser – für lebendige Gewässer und sauberes Grundwasser“ initiiert vom BUND sammelten Bürgerinnen und Bürger aus der Region Weser-Elbe 176 Wasserproben aus ihren Gärten und Hausbrunnen, um sie auf den Nitratgehalt untersuchen zu lassen. Von den 176 untersuchten Wasserproben aus Haus- und Gartenbrunnen wiesen 31 Prozent Werte zwischen 10 und 50 mg/l und 11 Prozent sogar Werte von über 50 mg/l Nitrat auf. Schwerpunkte der Belastung haben sich bei den Wasseruntersuchungen des BUND zum Beispiel geestnah bei Spieka und Oxstedt, aber auch in Schiffdorf und Bremen- Farge gezeigt“, heißt es in einer Pressemitteilung des BUND.

Der BUND sieht die Ursachen für den Nährstoffüberschuss in einem landwirtschaftlichen System, das auf Überproduktion beruht, um zu billigsten Erzeugerpreisen die Rohstoffnachfrage der Ernährungsindustrie zu befriedigen, die wiederum den Weltmarkt zu konkurrenzfähigen Preisen bedienen will. „Um die Kostenführerschaft anzustreben, sind die Bauern und Bäuerinnen gezwungen zu wachsen, um Stückkostenvorteile zu generieren“, sagt Tilmann Uhlenhaut, stellvertretender Landesgeschäftsführer und Landwirtschaftsexperte des BUND Landesverband Niedersachsen. Laut Uhlenhaut steht die Landesregierung in der Verantwortung, notwendige Veränderungen in der Tierhaltung auf den Weg zu bringen und dies nicht auf dem Rücken der bäuerlichen Landwirtschaft und auf Kosten vieler bäuerlicher Existenzen zu tun.

„Grundwasser wird bei Nährstoffüberschüssen aus Gülle und Gärresten, aber auch aus Mineraldünger mit Nitrat und Oberflächengewässer mit Phosphat belastet. Diese Einträge verschlechtern die Wasserqualität für den menschlichen Bedarf an Trinkwasser und schaden der Biodiversität“, erklärt Uhlenhaut. Nitrat ist per se nicht giftig. Doch kann es über das Trinkwasser in den menschlichen Körper gelangen und wird unter Luftabschluss im Verdauungstrakt von Bakterien zu Nitrit umgewandelt. Nitrit gilt als krebserregend und kann bei kleinen Kindern und Säuglingen zu Blausucht führen. Um der Schädigung der Gesundheit entgegenzuwirken, ist eine Aufbereitung des durch Nitrat kontaminierten Trinkwassers nötig – und diese ist mit erheblichen Mehrkosten verbunden. Für die Natur und im Speziellen die Artenvielfalt stellt der Überschuss an Nährstoffen ebenfalls eine Gefahr dar. Weil „Allerweltsarten“ wie Brennnesseln, Beifuß und Quecken seltenere Pflanzen verdrängen, heißt es in einer Pressemitteilung des BUND.

Laut der deutschen Trinkwasserverordnung darf der Nitratgehalt im Trinkwasser 50 Milligramm pro Liter nicht übersteigen. Seit 2008 beobachtet das Umweltbundesamt, dass dieser Wert an fast jeder fünften Messstelle überschritten wird. „Rechtliche Rahmen wie in der Wasserrahmenrichtlinie und der Nitratrichtlinie der EU, aber auch deutsche Gesetze werden nicht mehr eingehalten“, merkt Uhlenhaut an. Am 21.06.2018 wurde die Bundesrepublik vom Europäischen Gerichtshof verurteilt, da sie die Richtwerte – für welche die Bundesregierung selbst gestimmt hatte – nicht einhalten konnte.

URTEIL DES GERICHTSHOFS (NEUNTE KAMMER) VOM 21. JUNI 2018

Europäische Kommission gegen Bundesrepublik Deutschland Vertragsverletzung eines Mitgliedstaats – Richtlinie 91/676/EWG – Art. 5 Abs. 5 und 7 – Anhang II Teil A Nrn. 1 bis 3 und 5 – Anhang III Nr. 1 Ziff. 1 bis 3 und Nr. 2 – Schutz der Gewässer vor Verunreinigung durch Nitrat aus landwirtschaftlichen Quellen – Unzulänglichkeit der geltenden Maßnahmen – Zusätzliche Maßnahmen oder verstärkte Aktionen – Fortschreibung des Aktionsprogramms – Begrenzung des Ausbringens – Ausgewogene Düngung – Zeiträume des Ausbringens – Fassungsvermögen von Behältern zur Lagerung von Dung – Ausbringen auf stark geneigten landwirtschaftlichen Flächen und auf gefrorenen oder schneebedeckten Böden

Rechtssache C-543/16 | Quelle: https://curia.europa.eu

Daraus hat die Bundesregierung Konsequenzen gezogen, neue Maßnahmen auf den Weg gebracht und die EU-Düngeverordnung auf Druck der EU-Kommission, novelliert. Diese sieht vor, dass Landwirte ab 2020 30 Prozent weniger Gülle auf ihren Feldern verteilen sollen. Auch der Zeitraum, in denen die Gülle ausgebracht werden darf, wird um einen Monat verkürzt. Vom 30. September bis zum 31. Januar darf den Feldern keine Gülle zugeführt werden – vorher war der 31. Oktober der Schlusstermin. Zusätzlich haben Landwirte in Zukunft eine Aufzeichnungspflicht über den tatsächlich ausgebrachten Dünger. Falsche oder unvollständige Aufzeichnungen werden mit einem Bußgeld von bis zu 50.000 Euro belegt.

Nötige Maßnahmen, die allerdings zu spät kommen und landwirtschaftliche Betriebe in die Enge treiben, findet Uhenhaut. „Verspätete, dringend erforderliche Eingriffe in die landwirtschaftliche Produktion werden dazu führen, dass bäuerliche Betriebe an die Existenzgrenzen gebracht werden.“ Der enorme Gülleertrag zwingt Bauern, überschüssige Gülle teuer loszuwerden, wenn sie nicht in noch teurere Reservoirs investieren wollen. So wird sie in andere Bundesländer, die einen großen Bedarf an dem Dünger haben, importiert. „Mit dem Im- oder Export versuchen Betriebe, die an ihre Flächengrenzen geraten sind, bei der Beibehaltung ihrer Tierbestände, Nährstoffmengen aus dem Betrieb beziehungsweise aus den Intensivregionen zu verbringen“, sagt Uhlenhaut und fügt hinzu: „Das regionale Überschusssystem, bei dem der Export von Nährstoffen aus den Konzentrationsgebieten als „Lösung“ angeboten wird, ist sehr fragil. Der Versuch, die Reduktion der Ursache – zu viele Tiere in bestimmten Regionen – zu vermeiden und die Nährstoffe überregional zu verbringen steigert den Aufwand für den Staat, aufgrund von Kontrollen und ist abhängig von der Wirtschaftlichkeit und Unsicherheit der aufnehmenden Betriebe, ob sie ihre Nährstoffbilanzen gesetzeskonform organisieren können.“

Agrarpolitik und individueller Konsum sind ausschlaggebend

Die aktuelle Situation macht weitreichendere Maßnahmen nötig. So muss sich die Agrarpolitik grundlegend ändern. Uhlenhaut fordert eine auf regionale Märkte ausgerichtete Landwirtschaft, die mit gesellschaftlichen Anforderungen für mehr Umwelt-, Klima-, und Tierschutz konform geht. Außerdem, so Uhlenhaut, braucht es Umbauprogramme, wie sie in dem Gutachten des wissenschaftlichen Beirates des Bundeslandwirtschaftsministeriums von 2015 gut beschrieben sind. Hier wurde die Notwendigkeit des Umbaus für die Tierhaltung beschrieben und mit einem jährlichen Finanzierungsbedarf von drei bis fünf Milliarden Euro für Deutschland beziffert. Allerdings muss sich nicht nur die Agrarpolitik ändern, sondern auch das individuelle Konsumverhalten. Dazu gehört auch eine verpflichtende staatliche Haltungskennzeichnung, damit Verbraucher sich bewusst für Lebensmittel aus guten Prozessqualitäten entscheiden können, führt Uhlenhaut an. Als positives Beispiel nennt er die Eierkennzeichnung, da dieser Ansatz gezeigt hat, welche Wirkung so etwas entfalten kann. Allerdings sei dies nur eine Zwischenlösung, denn letztendlich muss auch der Verbrauch von Fleisch deutlich sinken, sagt Uhlenhaut. Damit überdimensionale Mastbetriebe der Vergangenheit angehören, weniger Gülle produziert wird und diese wiederum nicht durch Überdüngung auf dem Feld und letztendlich im Trinkwasser landet.


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