Abo   |   Ausgaben   |   Kontakt   |   RSS-Feed   |   Sitemap   |   Suche   |    Werben im LAUFPASS
LAUFPASS - das Online-Portal fr Bremerhaven, Cuxhaven und Umzu
Das Online-Portal für Bremerhaven, Cuxhaven und Umzu
 Startseite   |   Nachrichten   |   Kultur   |   Termine   |   Sport   |   Freizeit   |   Gesundheit   |   Lifestyle   |   Gastronomie   |   Ratgeber   |   Branchenbuch
// Kunst
14.11.2018
Von: bg

Die Tochter der Freiheit? Wir zensieren uns selbst.


Die Tochter der Freiheit? Wir zensieren uns selbst. (Foto: SFIO CRACHO/shutterstock.com)

Die Tochter der Freiheit? Wir zensieren uns selbst. (Foto: SFIO CRACHO/shutterstock.com)

Ist die Kunst wirklich frei? In Berlin wird ein Gedicht überstrichen, in New York soll ein Bild von der Wand genommen werden. Ein Kampf um die Deutungshoheit entbrennt und der Symbolcharakter solcher Handlungen befeuert eine hitzig geführte Debatte. Die einen möchten kontroverse Kunst am liebsten wegsperren und drohen Museen und Künstlern mit Boykott. Andere sehen dies als einen äußerst gefährlichen Eingriff in die Kunstfreiheit. Zu Letzteren zählt Ingo Clauß. „Die Freiheit der Kunst ist im Grundgesetz fest verankert. Und dies gilt es unter allen Umständen zu verteidigen“, sagt der Kurator des Kunstmuseums „Weserburg“ in Bremen.

In den letzten Jahren wurde das Thema der Zensur in den Feuilletons diverser Medien heiß diskutiert. Besonders zwei Fälle hatten dabei eine besondere Strahlkraft und werden in der Diskussion immer wieder angeführt. 2017 wurde das Gedicht „Avenidas“ des bolivianisch-schweizerischen Schriftstellers Eugen Gomringer scharf kritisiert. Das Gedicht, das eine Außenwand der Alice-Salomon-Hochschule in Berlin zierte, wurde auf Wunsch von Studierenden entfernt und durch ein anderes ersetzt. Der Vorwurf: Es sei sexistisch und objektifiziere Frauen. Ähnlicher Kritik sah sich ein Gemälde des französischen Malers Balthus, das per Petition aus einer Ausstellung des Metropolitan Museum of Art in New York verbannt werden sollte, ausgesetzt.

Im Fall Balthus zeigte sich die Initiatorin der Petition kompromissbereit. Statt Thérèse Dreaming ins Depot zu verbannen, sollte lediglich die Problematik des Gezeigten zur Diskussion gestellt werden. Mit einer Plakette, die neben dem Bild an der Wand hängt, sollen Besucher auf kontroverse Inhalte aufmerksam gemacht werden. Eine Entscheidung, die laut Clauß Probleme birgt: „Beim so genannten Labeling findet eine erste Einordnung statt. Das empfinde ich in vielen Fällen durchaus problematisch, da ein Werk auf eine bestimmte Sichtweise festgelegt wird.“ Dabei könne es allerdings auch Ausnahmen geben: „In Einzelfällen kann das aber eine sinnvolle Maßnahme sein. Zum Beispiel der Hinweis, dass sich in einem Ausstellungssaal Werke mit pornographischen Darstellungen befinden. Die Werke werden der Öffentlichkeit nicht entzogen. Man hat aber die Möglichkeit, selbst zu entscheiden, ob und womit man sich auseinandersetzen möchte“, erklärt Ingo Clauß.

Paradoxerweise bewirkt dieser öffentlich geführte Diskurs nicht immer das, was so mancher Sittenwächter mit einer Zensur anstrebt. Der Streisand Effekt, benannt nach der amerikanischen Schauspielerin Barbra Streisand, bezeichnet ein Phänomen, bei dem versucht wird, eine unliebsame Information geheim zu halten. Der entstehende Medienwirbel und die daraus resultierende gesteigerte öffentliche Aufmerksamkeit bewirken allerdings das genaue Gegenteil. Im Falle der Diskussionen um die Kunstfreiheit sorgt die Schlacht in den Medien dafür, dass sich die Werke nun eines weitaus größeren Publikums erfreuen können, als es zuvor der Fall war.

Gefährlich sind allerdings die Signale, die ein öffentlicher Diskurs senden kann. Museen und Galerien stellen präventiv provokante, anzügliche oder in irgendeiner Art und Weise problematische Kunst gar nicht erst aus, um einen eventuellen „Shitstorm“ aus dem Weg zu gehen. Wie soll man als Institution mit so einer Gefahr umgehen? „Die Aufgabe der Museen bestünde in meinen Augen darin, Themen mit der nötigen Ruhe und Besonnenheit wissenschaftlich aufzubereiten und auch einzuordnen. Dabei geht es nicht darum, Widersprüche und Konflikte auszugleichen. Was kontrovers ist, kann auch kontrovers bleiben. Doch man sollte sich mit dem nötigen gegenseitigen Respekt darüber verständigen. So kann eine gemeinsame Ebene etabliert werden, auf der man miteinander um Meinungen und Überzeugungen ringt“, führt Ingo Clauß an.

Die Ästhetik der Ethik

In seinem jüngst erschienenen Buch „Wie frei ist die Kunst?“ beschäftigt sich der Kunsthistoriker und Zeit-Autor Hanno Rauterberg eingehend mit den Gründen für diesen „Kulturkampf“. Für ihn hat es den Anschein, dass die Ästhetik der Ethik als bestimmendes Bewertungskriterium für Kunst weiche. Stattdessen bestimmen laut Rauterberg Wertedebatten die Auseinandersetzungen mit den Werken. Dabei werden die Kunst und ihre vermeintlichen Aussagen mit dem persönlichen Wertesystem abgeglichen und jegliche Diskrepanz als verwerflich und nicht bereichernd angesehen, so der Kunsthistoriker. Viele Kritiker würden oft dem Trugschluss obliegen, dass wenn man etwas anstößig findet, es anderen doch ähnlich gehen müsse. Ihre Zustimmung holen sich die Kritiker in den sozialen Netzwerken.

Rauterberg stellt fest, dass sich durch die omnipräsenten Social-Media-Kanäle Trends wie #metoo rasend schnell verbreiten. Es entsteht ein sogenannter Klicktivismus, der Menschen relativ unreflektiert in Debatten einsteigen lässt, ohne dass sie sich über die tatsächlichen und weitreichenden Konsequenzen bewusst werden. Dieser gelebte Liberalismus sollte eigentlich auch die Freiheit der Kunst legitimieren. Allerdings löst die Freiheit der Kritik, in einer Debatte gesteuert von persönlichen Gefühlen, das Gegenteil aus.

Kunst darf fast alles sein. Schön, aufregend, lustig, spannend, aber sie kann auch das negative Spektrum der menschlichen Gefühlswelt abrufen. Sie kann verstörend, irritierend, beängstigend und abstoßend sein. Eines darf sie allerdings nicht sein: verfassungswidrig. „Das Ausloten von Grenzen ist ein substantieller Bestandteil zeitgenössischer Kunstproduktion. Einzelne Kunstwerke sind Anlass für virulente, ja mitunter auch für schmerzhafte Fragen, die moralisch-ethische Bereiche berühren, in denen es um Religion, Gewalt oder Sexualität geht. Diese Fragen muss eine freiheitlich-bürgerliche Gesellschaft aushalten“, sagt Ingo Clauß. Er halte es daher mit Friedrich Schiller: „Die Kunst ist eine Tochter der Freiheit. Die nötigen Grenzen bestimmt in meinen Augen allein das Grundgesetz“, so Clauß.

Kunst darf also genauso frei sein wie die Kritik an ihr. Beides ist im Grundgesetz eng mit der Meinungsfreiheit verknüpft. Schließt man allerdings durch Zensur jegliche kritische Auseinandersetzung von vornherein aus, legt man sich selbst einen Maulkorb und Scheuklappen an und beraubt sich der eigenen Freiheit. Deshalb fordert Ingo Clauß: „Diskussionswürdige Positionen dürfen nicht im Depot verschwinden. Gerade weil sie ein Konfliktpotential in sich tragen, müssen sie öffentlich sichtbar werden. Nur so kann ein fruchtbarer, gerne auch streitbarer Dialog entstehen, an dem eine breite Öffentlichkeit partizipiert.“

Grundgesetzt für die Bundesrepublik Deutschland

Artikel 5

  • (1) Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten. Die Pressefreiheit und die Freiheit der Berichterstattung durch Rundfunk und Film werden gewährleistet. Eine Zensur findet nicht statt.
  • (2) Diese Rechte finden ihre Schranken in den Vorschriften der allgemeinen Gesetze, den gesetzlichen Bestimmungen zum Schutze der Jugend und in dem Recht der persönlichen Ehre.
  • (3) Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre sind frei. Die Freiheit der Lehre entbindet nicht von der Treue zur Verfassung. 


Quelle: https://www.gesetze-im-internet.de/gg/art_5.html


 AGB   |   Datenschutz   |    Impressum