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// Gesellschaft
14.02.2019
Von: bg

Zwischen Fake News und Filterblasen – Steckt der Journalismus in der Krise?


Zwischen Fake News und Filterblasen (Illustration: Zhitkov Boris/shutterstock.com)

Zwischen Fake News und Filterblasen (Illustration: Zhitkov Boris/shutterstock.com)

Lügenpresse, Fake News und Mainstreammedien. Diesen Vorwürfen sehen sich Journalisten und die Medien im Allgemeinen in den letzten Jahren des Öfteren ausgesetzt. Meist kommt die Kritik in Form von Hasskommentaren und Verschwörungstheorien über die Social- Media-Kanäle. Medien berichten über die Ablehnung ihnen gegenüber. Man bekommt das Gefühl, dass der Großteil der Gesellschaft das Vertrauen in die Medien verloren hat. Doch ist das wirklich der Fall? „Nein, eine Vertrauenskrise gibt es nicht“, sagt der Wirtschaftsjournalist und Professor an der Universität Würzburg, Prof. Dr. Kim Otto.

Eine Studie der Universität Würzburg, die jährlich durchgeführt wird, untersucht das Vertrauen von Deutschen in die Presse, den Rundfunk und das Fernsehen. Die Ergebnisse zeigen, dass es 2015 einen leichten Einbruch (45,7%) im Vergleich zum Vorjahr (46,9%) beim Vertrauen in die Deutsche Presse gab. Laut Otto steht dieser Vertrauensverlust im direkten Zusammenhang mit der Berichterstattung während der Flüchtlingskrise. Er ist der Meinung, dass die unkritische Auseinandersetzung mit der Flüchtlingspolitik der Regierung die Wut einiger, die mit dem politischen Kurs nicht einverstanden waren, befeuerte. Die Medien hatten sich aus Sicht der Asylpolitikkritiker nicht an die Objektivitäts-Verpflichtung des Journalismus gehalten. Sie hatten sich auf die Seite einer Sache gestellt, sich somit im Diskurs positioniert und „die objektive Nachricht mit subjektiver Meinung vermengt“, bemerkt Otto. Daher rührt letztlich auch die größte Kritik an den Medien, die zu dem Vertrauenseinbruch führte.

Allerdings währte der nicht lang, denn im Jahr darauf stieg das Vertrauen wieder auf satte 55,7% an. „Die Gründe dafür sind das gesteigerte Interesse an der Pressefreiheit. Die Gesellschaft sieht an Beispielen wie Erdogan oder Trump, wie wichtig die Presse als Kontrollinstanz der Politik gegenüber ist“, erklärt Otto. Zu einem ähnlichen Befund kommt auch die Langzeitstudie Medienvertrauen der Universität Mainz: „Die Lügenpresse-Hysterie ebbt ab, Medienvertrauen steigt, die Debatte um Fake News & Hasskommentare zeigt Wirkung“. Zusätzlich verzeichnet die Studie einen Rückgang des Vertrauens in das Internet.

Dennoch ist laut dem Statistik-Portal statista für die Befragten das Internet (71%), neben Verwandten und Freunden (80,3%) die meistgenutzte Informationsquelle. Auch wird diesem Medium von vielen Vertrauen geschenkt, obwohl die Chance, an Falschaussagen zu geraten, sehr hoch ist, wenn man sich fern von Homepages etablierter Medienagenturen bewegt. Die sogenannten alternativen Fakten sind hier zuhause – und gefallen sie nicht, sucht man sich eben andere Fakten, die besser zum eigenen Weltbild passen. Das ist die Crux der „Fakten“ im Internet: die Gefahr, in einer Filterblase zu landen, steigt dabei exponentiell. Google, Facebook, Youtube und viele andere Internet-Dienstleister sammeln permanent Daten, verfolgen die Nutzer auf Schritt und Klick, um so eine personifizierte Vorauswahl zu treffen, die jedem beim Surfen im Web maßgeschneiderte Inhalte anbietet. Man ist überwiegend abgeschirmt von anderen Meinungen – aber das ist nicht unbedingt ein Gewinn.

Blogs, Youtube-Kanäle und Social-Media-Profile sprießen wie Pilze aus dem Boden, werfen den Leitmedien Meinungsmache vor und liefern die vermeintlichen Fakten zur eigenen Meinungsbildung. Gleichzeitig werden die großen Medienhäuser, Zeitschriften, Radio- und Fernsehsender scharf angegriffen, da sie nicht die eigene Meinung wiedergeben. Dieses Verhalten zeigen insbesondere Menschen, die sich weit rechts außen positionieren. „Der große Teil der Presse ist links-liberal eingestellt“, erklärt Otto. Damit sind Reibungen aufgrund von Meinungsverschiedenheiten mit der extremen Rechten vorprogrammiert. Sie werfen den seriösen Medien schlechten Journalismus oder Meinungsmache vor, obwohl sie in ihren Filterblasen genau das, was sie anprangern, freiwillig über sich selbst ergehen lassen. Anstatt sich selbst kritisch zu hinterfragen, graben sie sich lieber so tief in die Blase ein, dass jegliche Chance auf Überprüfung der eigenen Position ebenso begraben wird.

DIE FILTERBLASE
Die Filterblase (englisch filter bubble) oder Informationsblase ist ein Begriff der Medienwissenschaft, der vom Internetaktivisten Eli Pariser in seinem gleichnamigen Buch von 2011 verwendet wird. Laut Pariser entstehe die Filterblase, weil Webseiten versuchen, algorithmisch vorauszusagen, welche Informationen der Benutzer auffinden möchte – dies basierend auf den verfügbaren Informationen über den Benutzer (beispielsweise Standort des Benutzers, Suchhistorie und Klickverhalten). Daraus resultiere eine Isolation gegenüber Informationen, die nicht dem Standpunkt des Benutzers entsprechen.
Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Filterblase

Ich mach‘ mir die Welt, wie sie mir gefällt!
Der ehemalige Bundesminister für Justiz und für Verbraucherschutz Heiko Maas warnte in einer Rede zum Thema „Zusammenleben in der digitalen Gesellschaft – Teilhabe ermöglichen, Sicherheit gewährleisten, Freiheit bewahren“ am 03. Juli 2017 in Berlin vor den sogenannten Filterblasen, in denen „wir oftmals nur noch auf Positionen treffen, die uns in der eigenen Meinung bestärken“. Im Umkehrschluss würden andere Positionen, die von der eigenen Meinung abweichen, gemieden werden. Die Filterblasen und ihre Algorithmen sind also die Übeltäter? Nicht ganz: eine Studie von der Universität Amsterdam kommt zu dem Schluss, „dass es derzeit nur wenige empirische Belege gibt, die Sorgen um Filterblasen rechtfertigen“. Trotzdem wird davor gewarnt, „dass wenn die Entwicklung von personifizierter Technologie weiter voranschreitet und personifizierte Nachrichten die Hauptquelle von Informationen der Leute sind, es durchaus problematisch für eine Demokratie sein kann.“ Somit sind vorerst nicht die Filterblasen das Problem, sondern die Menschen, die nicht bereit dazu sind, die Blase zu verlassen und über den Tellerrand zu schauen. Aber können wir anders?

Eine Studie aus den 90ern des Briten Andrew Wakefield bringt die Impfungen von Masern, Röteln und Mumps mit dem Aufkommen von Autismus bei Kindern in Verbindung. Doch obwohl die Studie später als Auftragsarbeit und Fälschung entlarvt wurde, argumentieren viele Impfgegner immer noch damit. Auch der deutsche Psychologe Prof. Dr. Tobias Greitemeyer setzt sich in einer Studie mit dem Thema auseinander. Der Forscher legte seinen Probanden eine Studie vor, die besagte, dass die physische Größe eines Menschen prosoziales Verhalten, also zum Beispiel soziales Engagement fördere. Diese Studie wurde allerdings ziemlich schnell von der Fachwelt in Frage gestellt und bewiesenermaßen für falsch erklärt, da der Autor Lawrence Sanna sich seine Forschungsergebnisse lediglich ausgedacht hatte. Das teilte Greitemeyer auch den Probanden mit. Doch als er sie fragte, ob wirklich was an der Studie dran sein könnte, bekam er erschreckender Weise zum größten Teil positive Antworten. Die Probanden gingen sogar soweit, dass sie sich Gründe ausdachten, die für den Zusammenhang von Körpergröße und Philanthropie sprechen könnten. Die Meinung ist also wie ein Filter, an dem sich Fakten messen müssen, die, sobald sie dem Filterkriterium widersprechen, meistens abgeschmettert werden.

Das Problem des Vertrauensmangels gegenüber den Medien bleibt ein sehr persönliches. Die eigene Meinung ist wichtiger Bestandteil einer demokratischen Gesellschaft. Im Idealfall beruht sie auf einem fundierten Faktenwissen. Das erlangt nur, wer sich mit anderen Denkweisen und Argumenten offen und so kritisch wie selbstkritisch auseinandersetzt.

 

 



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