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// Gesellschaft
11.08.2017
Von: sl

Vertuschung der Wahrheit


Vertuschung der Wahrheit

Vertuschung der Wahrheit (Foto: photoagent/shutterstock.com)

Das Jahr 1989 war so revolutionär wie kaum ein anderes. Im Jahr des Mauerfalls wurde auch das World Wide Web in seinen Grundzügen ins Leben gerufen. Heute, 28 Jahre später, gilt das Netzwerk in Deutschland sogar als Grundrecht. Doch das Internet ist schon lange nicht mehr nur ein Segen, sondern auch ein Fluch. Das Netz wimmelt nur so von Kriminalität, von lügnerischer Propaganda. Mit dem Aufschwung der sozialen Netzwerke kamen neue Probleme hinzu: Facebook und Co. werden zunehmend von Hass, Hetze, Fake News und Stimmungsmache beherrscht – und die Benutzer davon beeinflusst.

In den hochentwickelten Ländern hat sich das soziale Leben im Gleichschritt mit dem technologischen Fortschritt rasant gewandelt. In diesem Zusammenhang wird häufig von einer „Wissensgesellschaft“ gesprochen. In der Tat hat uns das Internet unglaubliche Möglichkeiten eröffnet, uns auf einfachem Wege Wissen anzueignen. Allein Wikipedia umfasst mehr als 39 Millionen einzelne Artikel mit zahlreichen Literaturverweisen. Doch das fundierte Wissen, dessen Vernetzung durch das Internet so selbstverständlich geworden ist, macht mittlerweile nur noch einen geringen Bruchteil aus – und der verbirgt sich hinter einem Schleier aus Belanglosigkeit, Fake News, gezielter Manipulation und primitiver Hetze.

Sobald wir unseren Browser öffnen, strömen die Inhalte regelrecht auf uns ein. Es bleibt keine Zeit zum Selektieren: Was ist eine relevante und glaubhafte Nachricht? Wer versucht, mich mit seiner Meinung zu beeinflussen? Hinter welchen Inhalten könnten gefährliche Ideologien stecken? Alle diese wichtigen Fragen stellen sich die meisten Menschen nicht. Vielen fehlt im Inhaltsdschungel das Werkzeug zu einer wahrheitsgetreuen Urteilsbildung. Das führt im Extremfall zu einer verzerrten Wahrnehmung der Wirklichkeit und zu einer auf fehlerhaften Informationen basierenden Haltung – und diese ist in den meisten Fällen eine sehr oberflächliche. Ein Beispiel: Ein syrischer Flüchtling schoss 2015 ein Selfie mit Merkel. Etwa ein Jahr später wird auf Facebook die Behauptung verbreitet, er sei einer der Attentäter vom Anschlag in Brüssel im März 2016 gewesen. Ein entsprechender Beitrag wurde hundertfach geteilt, bekam die Aufmerksamkeit von Tausenden – und das, obwohl er vollkommen frei erfunden war.

Wie in der Studie „Social Clicks: What and Who Gets Read on Twitter?“ berichtet wird, wurden 59 Prozent der auf Twitter geteilten Shortlinks nicht einmal angeklickt. Dadurch erlangen insbesondere Nachrichten, die wie eine Sensation wirken, starke Bekanntheit – auch wenn sie sich beim Lesen des Artikels als offensichtliche Falschmeldung herausstellen würden. Der Leser versucht in der unübersichtlichen Informationsflut durch das Lesen der Überschriften möglichst viel aufzusaugen. Dieses Unterfangen ist angesichts einer durchschnittlichen Lesezeit von 32 Minuten am Tag unmöglich. Wenn man dann auch noch versucht, sich über ein breites Themenspektrum zu informieren, ist intelligentes Lesen besonders schwierig. Behauptungen werden nicht hinterfragt, sondern schnell für wahr gehalten. Um den Prozess zu erleichtern und gar keinen Diskurs mit sich selbst zuzulassen, lesen viele Benutzer nur noch das, was zu ihrer eingenommenen Haltung passt.

Die Medien unterstützen dies, indem sie dem Konsumenten das liefern, was er lesen will. Die Facebook-Timeline oder die Google-Suche richten sich nach den Interessen der User. Dieses Phänomen beschreibt der Internetaktivist Eli Pariser mit dem Begriff „Filterblase“. Gemeint ist ein algorithmisch beschränkter Informationsraum, der individuell an den Benutzer angepasst ist und dafür Faktoren wie Standort, Suchhistorie und Klickverhalten berücksichtigt. Der Benutzer befindet sich in einer Blase, in der er nur die Informationen erhält, die der Algorithmus für ihn als relevant erachtet. Das führt zu gravierenden Informationslücken, die sich negativ auf das gesellschaftliche Zusammenleben auswirken. Es wird zunehmend schwieriger, sich eine reflektierte Meinung zu bilden und diese unter Einbezug aller Informationskanäle auch wandeln zu können.

Weil die Menschen trotzdem immer möglichst in Echtzeit informiert werden und vor allem überraschende Nachrichten lesen wollen, lassen sich auch Onlineredaktionen von renommierten Nachrichtenmagazinen oder Zeitungen vermehrt zu reißerischen Artikeln verleiten, die ohne vorherige Qualitätsüberprüfung veröffentlicht werden. Es findet ein harter Wettbewerb unter den Onlinepublikationen statt, wer zuerst über Geschehnisse informiert. Der Zeitpunkt der Publikation einer Nachricht zählt mittlerweile mehr als ein verifizierter Inhalt mit sicheren Quellen. So werden selbst von anerkannten Medien Fake News in den Umlauf gebracht. Es geht nur noch um Klicks.

Nur ein kleiner Bruchteil der Straftaten im Internet wird aufgeklärt

Die Onlinepublikationen erhoffen sich durch das Posten ausgewählter Artikel auf Facebook oder anderen sozialen Netzwerken mehr Popularität. Gleichzeitig bieten sie dadurch aber auch eine große Plattform im nahezu rechtlosen Bereich des Internets – und diese nutzen viele Benutzer, zum Teil anonymisiert, zu verfassungsfeindlichen Kommentaren und gezielter Stimmungsmache. In der Regel bleiben solche Vergehen im Internet unbestraft. Eine Dunkelfeldstudie des niedersächsischen Landeskriminalamtes kam im Jahr 2013 zu dem Ergebnis, dass nur etwa neun Prozent aller Straftaten im Internet zur Anzeige gebracht werden. Der Präsident des Bundeskriminalamtes Holger Münch forderte die Bevölkerung im April daher dazu auf, öfter die Initiative zu ergreifen und Straftaten bei der Polizei zu melden.

Rechtsextremismus, Volksverhetzung und Fake News zählen zu diesen Straftaten und sind im Internet zu einem ernstzunehmenden Problem geworden. Derzeit wird auch in der Politik darüber gestritten, wie man effektiv dagegen vorgehen kann. Ende Juni beschloss der Bundestag das von Bundesjustizminister Heiko Maas geforderte Netzwerkdurchsetzungsgesetz, das Betreiber dazu verpflichtet, offensichtlich strafbare Inhalte innerhalb von 24 Stunden nach Eingang einer Beschwerde von ihrer Seite zu entfernen. Bei komplizierten Fällen beträgt die Frist sieben Tage. Beschwerden müssen über eine für den Nutzer leicht ersichtliche Funktion möglich gemacht werden. Sollten die Fristen nicht eingehalten werden, müssen Unternehmen mit einem Bußgeld in Höhe von bis zu 50 Millionen Euro rechnen.

Der Staat will damit also gegen die Rechtlosigkeit im Internet vorgehen. Aber auch die Onlinepublikationen und sozialen Netzwerke müssen sich klar positionieren. Das gemeinnützige Recherchezentrum Correctiv mit Sitz in Berlin hat sich den Kampf für die Wahrheit und den Erhalt der Demokratie auf die Fahne geschrieben. Correctiv setzt sich in Zeiten der Medienkrise für aufklärenden, investigativen Journalismus ein und leitet seine Inhalte kostenfrei an verschiedene Onlineverlage weiter. Die Organisation hat den richtigen Weg eingeschlagen, um der Gesellschaft eine Informationsbasis zu schaffen, anhand derer sie sich konstruktiv und gewissenhaft informieren kann. Damit dieses Engagement aber nicht nur ein kleiner Tropfen auf den heißen Stein bleibt, müssen die Zeitungen, Magazine, Fernseh- und Radiosender an einem Strang ziehen. Nur so können sie dem durch das Internet begünstigten Trend der postfaktischen Zeit entgegenwirken.

So wie es in großen Unternehmen Sonderbereiche für die Qualitätssicherung gibt, müssten auch im Internet die Artikel vor ihrer Veröffentlichung auf Richtigkeit geprüft und nur dann publiziert werden, wenn sie auf zuverlässigen Quellen basieren. Es muss eine gesicherte Plattform – eine Art Internet 2.0 – geben, auf der es den Benutzern garantiert werden kann, dass sie wahrheitsgetreu über die Geschehnisse in der Welt informiert werden. Dadurch könnte die Medienlandschaft ihre Identitäts- und Qualitätskrise bewältigen und müsste sich fortan nicht weiterhin den sozialen Netzwerken unterwerfen, sondern könnte vielmehr den Kampf gegen Verfassungsfeinde und Unwahrheiten führen und seiner Funktion als Wächter der Demokratie gerecht werden. Gerade in Zeiten von gezielten Fehlinformationen ist eine Demokratie nur dann überlebensfähig, wenn sich die freie Presse an ihren Kodex hält und die Wahrheit zur absoluten Prämisse macht.



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