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// Politik, Wirtschaft, Wissenschaft
14.02.2019
Von: bg

Mangelerscheinung – Zwischen brain drain und brain gain


Mangelerscheinung (Illustratiom: Leika75/shutterstock.com)

Mangelerscheinung (Illustratiom: Leika75/shutterstock.com)

Am 19. Dezember 2018 hat das Bundeskabinett das neue Fachkräfteeinwanderungsgesetz beschlossen. Es soll ab 2020 die Grundlage für eine gezielte Einwanderung schaffen und Migranten aus nicht EU-Staaten den Einstieg in den deutschen Arbeitsmarkt erleichtern. Zwei Faktoren sind für die Erwerbsmigration nach dem neuen Regelungsvorschlag wichtig: Der wirtschaftliche Bedarf und die Qualifikation. Zusätzlich sollen die Anerkennungs- und Visumverfahren erleichtert werden, um Migranten die Möglichkeit zu geben, Teil der deutschen Gesellschaft zu werden. Auf den ersten Blick eine Win-win-Situation, zumindest für Einwanderer und die BRD. Doch wie sieht es mit dem Herkunftsland aus? Geht nicht gerade bei der Anwerbung von geistigen Eliten wichtiges humanes Kapital in Form von Lehrern, Ärzten und Wissenschaftlern verloren? „Das ist zu eindimensional gedacht“, sagt Migrationsforscher Dr. Uwe Hunger, von der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster. Er ist der Meinung, dass aus dem vermeintlichen Verlust für das Herkunftsland ein Gewinn entstehen kann.

In den 60er Jahren veröffentlichte die britische Regierung einen Bericht, der die damalige rückläufige Entwicklung der Wirtschaft erklären sollte. Die Studie kam zu dem Ergebnis, dass die Abwanderung von Bildungseliten in andere Länder für diesen Einbruch verantwortlich sei. Daraus resultierend etablierte sich der Begriff Brain drain (wörtl. Abfluss von Gehirn), der den Verlust von humanem Kapital einer Gesellschaft beschreibt. Die Ursachen solcher Migrationsbewegungen sind individuelle, soziale und politische Umstände im jeweiligen Herkunftsland. Schlechte Arbeitsbedingungen, eine geringe Bezahlung oder fehlende Karrierechancen sind nur einige Gründe für eine Abwanderung. Aber auch die Einschränkung der persönlichen Freiheit, politische Verfolgung oder Instabilität der Heimat spielen eine Rolle.

Die Folgen der Abwanderung sind katastrophal: Es fehlt Personal in wichtigen Sektoren wie Bildung, Gesundheit und Forschung. Während das Aufnahmeland von der Migration profitiert, leidet das Entwicklungspotential des Abgabelandes unter dem Fachkräftemangel. Brain drain auf der einen Seite bedeutet brain gain (wörtl. Zufluss von Gehirn) auf der anderen. Während ein Land (hoch)qualifiziertes Personal verliert, gewinnt ein anderes durch die Einwanderung an Know-how und Innovationspotential. Die in den 70ern vorherrschende Dependenztheorie besagt, dass hierarchische Abhängigkeiten zwischen Industrie- und Entwicklungsländern bestehen, die Entwicklungsmöglichkeiten von Letzteren begrenzen. Sie erklärt Entwicklungsländer zu Verlierern der Einwanderungspolitik von großen Industrienationen. Sie scheitert aber daran, dass sie interne Bedingungen und politische Entscheidungen der Entwicklungsländer ignoriert.

Hauptaufnahmeländer von Fachkräften sind Amerika, Kanada und Australien, die nicht nur mit besseren Arbeitsbedingungen und höherer Bezahlung locken, sondern auch durch Englisch als Amtssprache nur eine niedrige Sprachbarriere aufweisen. Auch Deutschland ist ein beliebtes Einwanderungsland und das neue Fachkräfteeinwanderungsgesetz soll dem Fachkräftemangel entgegenwirken. Laut einer Studie der Bertelsmann Stiftung sind 2017 knapp 544.757 Menschen aus Nicht-EU-Staaten in die Bundesrepublik eingewandert. 38.082 Personen erhielten dabei einen Aufenthaltstitel als Fachkraft. Sie kommen überwiegend aus Indien, Bosnien- Herzegowina, den USA, Serbien und China.

Migration als Entwicklungshilfe
„Migration ist kein einmaliger und abgeschlossener Prozess“, sagt Hunger. Das humane Kapital und das damit zusammenhängende Entwicklungspotential sind nicht im Aufnahmeland gefangen, sondern zirkulieren (brain circulation). Dafür liefert Hunger auch ein Beispiel: In dem Essay „Vier Thesen zur deutschen Entwicklungshilfe für Indien“ beschreibt er die Umwandlung vom brain drain zum brain gain. Die deutsche Entwicklungshilfe für Indien war maßgeblich am Aufbau des Indian Institute of Technology in der indischen Stadt Chennai (ehemals Madras) beteiligt. Hier wurden viele IT-Spezialisten ausgebildet. Doch sie verblieben nicht im Land, sondern wanderten zum größten Teil aus, vor allem in die USA. Die US-Wirtschaft profitierte selbstverständlich von den hochqualifizierten Einwanderern, die auch aus China und anderen Ländern der Welt kamen. Der Immigration Act der USA aus dem Jahr 1990 begünstigte die Einwanderung dieser qualifizierten Fachkräfte. Viele zog es in die Heimat von Technologieunternehmen und Start-up-Firmen: Silicon Valley. Ein großer Boom in der IT-Branche folgte und sorgte für ein extremes Wirtschaftswachstum der USA – das quasi von deutschen Entwicklungsgeldern subventioniert wurde. Aber auch die indische Wirtschaft profitiert von den Investitionen. Das humane Kapital stagniert also nicht zwangsläufig in den USA und findet seinen Weg in Form von Investitionen in das Heimatland der Einwanderer. Da viele Unternehmer neue Firmen gründen oder die Produktion und andere Bereiche ihrer Unternehmen nach Indien outsourcen. Das schafft wiederum Arbeitsplätze und kurbelt die Wirtschaft an. Dadurch ist Indien heute eine der größten Wirtschaftsmächte der Welt und eine der am schnellsten wachsenden Volkswirtschaften. Ähnlich geht es auch der Volksrepublik China, die durch Investitionen von Auswanderern einen nicht minder beeindruckenden Höhenflug hinlegt. Beide Länder gehören den zwanzig wichtigsten Industrieund Schwellenländern an (G20).

Aber nicht nur das humane, sondern auch das ökonomische Kapital verbleibt nicht zwangsläufig in dem Land in dem es der Auswanderer erwirtschaftet hat. Laut dem von der Bundeszentrale für politische Bildung veröffentlichten Artikel Rücküberweisungen und ihr Beitrag zur Entwicklung in den Herkunftsländern von Entwicklungsökonom Dr. Tobias Stöhr wurden 2015 weltweit 600 Milliarden US-Dollar von Migranten in ihre Heimatländer überwiesen. Davon flossen 440 Milliarden US-Dollar in Entwicklungsländer. „Oft übersteigen diese Gelder die internationalen Entwicklungshilfezahlungen und Auslandsinvestitionen an die Entwicklungsländer“, erklärt Hunger. Stöhr stellt fest, dass in Nepal, Kirgistan, Moldawien und einigen anderen Ländern die Summen von Rücküberweisungen einen erheblichen Anteil des Bruttoinlandsproduktes ausmachen. Zusätzlich sorgt Migration auch für Transfer von immateriellen Gütern. „Neben den finanziellen Rücküberweisungen gibt es auch sogenannte soziale Rücküberweisungen, die sich auf die Herkunftsländer auswirken können“, schreibt Stöhr. Damit ist eine Wissensvermittlung gemeint, die gemachte Erfahrung im Ausland, Ansichten und Werte umfasst, die durch ihren Austausch Korruption verringern, politische Teilhabe fördern und politischen Wandel begünstigen kann, schreibt Stöhr. Deshalb fordert Hunger: „Reiche Industrieländer müssen Grundlagen schaffen, um transnationale Identitäten und Migrationsnetzwerke zu fördern. Das Ziel wäre, langfristig eine Win-win-Strategie für Abgabe- und Aufnahmeländer zu etablieren, von der alle profitieren.“

 

 


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