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// Gesellschaft
06.11.2019

Der Blutplanet


Wann beginnt das notwendige Umdenken?

Jedes Jahr werden allein in Deutschland über 750 Millionen Landlebewesen getötet. Weltweit sind es über 60 Milliarden Säugetiere und Vögel, also 164 Millionen Tiere am Tag oder etwa 2.000 Tiere in der Sekunde. Hinzu kommen Milliarden Meereslebewesen. Die Schätzungen belaufen sich auf 1.000 bis 3.000 Milliarden Meerestiere pro Jahr. Ungezählt bleiben Millionen Tiere in Tierversuchsanstalten, „überzählige“ Tiere aus Zoo-Zuchten sowie jene Millionen Opfer, die der Mensch durch Jagd und Fallenstellerei tötet. Kann das in Ordnung sein? Weil es „nur Tiere“ sind?

Die massenhafte tierquälerische Haltung und grausame Ermordung unserer leidensfähigen Mitwesen macht aus der Welt ein Schlachthaus. Unsere Erde ist ein Ort des fehlenden Mitgefühls und der Blindheit für die Interessen unserer Mitwesen geworden. Zugleich ist die Tierverwertungsindustrie auf der gesamten Länge ihrer Wertschöpfungskette eine der größten Belastungen für die Umwelt. Land, Wasser, Luft und Atmosphäre werden dauerhaft vergiftet, Ressourcen verschwendet und Lebensräume vernichtet. Hinzu kommt, dass der Verzehr von tierischen Produkten zu den Hauptursachen zahlreicher „Zivilisationskrankheiten“ zählt: Krebs, Schlaganfall, Fettleibigkeit, Blinddarmentzündung, Osteoporose, Arthritis, Diabetes, um nur einige wenige zu nennen. Damit nicht genug, enthält Fleisch Ansammlungen von Pestiziden und anderen Chemikalien, die bis zu 14 mal konzentrierter sind als in pflanzlichen Lebensmitteln.

Es gibt bereits viele gute - eigennützige - Gründe, keine Mitwesen mehr zu verzehren oder die aus ihren sterblichen Überresten hergestellten Produkte nicht mehr zu verwenden. Ganz egoistisch betrachtet, ist ein Leben ohne Nutzung von Tieren wesentlich klüger: Es ist gesünder, günstiger, schont Ressourcen und entlastet die Umwelt. Bereits diese gesicherte Erkenntnis sollte jeden Menschen zu einem Umdenken anregen. Doch Marketing, Ernährungsgewohnheiten und Verbrauchertäuschung überlagern rationale Erkenntnisse.

Die Welt ist süchtig nach Fleisch, unter anderem auch, weil die Fleischverwertungsindustrie uns darauf konditioniert hat und uns die leidensfähigen Mitwesen in anonymisierter Form als industrielle Produkte und Rohstofflieferanten präsentiert. Das tierische Individuum als leidensfähiges Lebewesen mit eigenen Interessen ist in der Massenmord-Industrie im doppelten Sinn eliminiert worden. Nur deshalb können wir „Schweinchen schlau“, „Ferdinand, den Stier“, den Fisch „Nemo“ zu Tode quälen und aufessen, während wir Katze Minka, Hund Paul und den Sittich Fritzchen mit Tränen verabschieden, wenn das Tier uns nach Jahren dann mal tot verlassen muss.

Wir unterscheiden zwischen Tieren, die wir lieb haben und solchen, die wir eines artgerechten Lebens berauben, sie zu Tode quälen, um sie dann zu verwerten. Das tun wir in der Regel aus unserer jeweiligen Geschichte und Sozialisierung heraus. Während wir in Nordeuropa Singvögel lieben und füttern, ihnen Bruträume herstellen, gelten sie im Süden Europas als Delikatesse und werden bejagt und verzehrt. Während in weiten Teilen der westlichen Welt Hunde wie Familienmitglieder behandelt werden, werden sie in anderen, vor allem asiatischen Ländern, gezüchtet und eingefangen, um geschlachtet und verwertet zu werden. Den Gipfel macht hier das chinesische Yulin Hundefleisch- Festival, bei dem jedes Jahr Zehntausende Hunde bei vollem Bewusstsein gehäutet, zerschnitten, mit Feuer enthaart und erschlagen werden. Was uns Nordeuropäern das Blut in den Adern gefrieren lässt, wenn es um Bello geht, ist uns völlig gleichgültig, wenn bei uns Schweine, Rinder oder Geflügel mit gleicher oder ähnlicher Grausamkeit behandelt werden. Und während in Indien die Kühe heilig sind, verschwinden sie bei uns millionenfach in den Tötungshallen der Schlachthöfe, um Burger-Patties, Schuhe und Ledersitze zu werden.

SPE·ZI·E·SIS·MUS
/Speziesísmus/
Substantiv, maskulin [der] Anschauung, nach der der Mensch allen anderen Arten überlegen und daher berechtigt sei, deren Vertreter nach seinem Gutdünken zu behandeln


Verrückte Welt? Keineswegs. Die Haltungen und Verhaltensweisen der unterschiedlichen Kulturen im Umgang mit leidensfähigen Mitwesen lassen sich historisch und sozial nacherzählen und damit in ihrer Entwicklung beschreiben. Und dennoch greift ein spürbares Unbehagen um sich. Zwei Strömungen bilden sich derzeit heraus. Die eine betrachtet den Umgang mit Natur und den Tieren aus einer globalen ökologischen Sicht und leitet daraus Argumente gegen Massentierhaltung ab. Das birgt ein großes Potenzial für Veränderungen, selbst wenn hier das Kernmotiv zahlreicher junger Bewegungen vor allem die Angst vor dem Untergang der (eigenen Art und) Welt ist. „Fleisch aus Pflanzen“ erfreut sich großer Beliebtheit und die ökologische Bilanz der Massentierhaltung wird schärfer überprüft. Ein guter Trend, der als „Nebenwirkung“ der bisweilen fragwürdigen Klimadiskussion die Anzahl der ermordeten und gequälten Kreaturen auf unserem blutgetränkten Planeten verringern könnte.

Interessanter und von größerer Nachhaltigkeit für das Verhältnis von Mensch und Tier sind jedoch ethische Ansätze, die sich mit der Frage der elementaren Rechte der Tiere befassen. Die unterschiedlichen Denkrichtungen, die sich mit dem Thema auseinandersetzen, finden sich überwiegend in einer zentralen Fragestellung wieder, die sich mit der Abwägung von Interessen befasst – den Interessen des Tieres und den Interessen des Menschen. Die verschiedenen Denkmodelle führen auf ähnlichen, aber in den Details durchaus verschiedenen, Wegen zu einer ethischen Herleitung von Bewertungen, die einen völlig anderen Umgang mit Tieren und der belebten Natur insgesamt fordern lassen. Die Arbeiten der Philosophen Peter Singer, Tom Regan, Elisabeth Anderson, Mary Midgley – um nur einige zu nennen, deren Denkmodelle bereits vor Jahrzehnten entwickelt wurden – bestimmen auch heute die Diskussion.

Peter Singer, australischer Philosoph, prägte den Begriff des Speziesismus. Speziesismus ist die Begründung für Ausbeutung und Diskriminierung von Lebewesen aufgrund der Tatsache, dass sie nicht zur menschlichen Spezies gehören. Wie sein Kollege Tom Regan zählt Peter Singer zu den Philosophen, die in ihrer Argumentation keinen Rückgriff auf Gefühle nehmen: Empathie, Fürsorge, Mitleid spielen in ihren Betrachtungen keine Rolle. Das tun die Philosophen ganz bewusst. Denn sie leiten die Rechte der Tiere aus den Interessen der Tiere selbst ab – und nicht aus der Gefühlswelt der Menschen, die mit dem Tierleid konfrontiert sind. Damit erschaffen sie eine nicht „gefühlsduselige“ Argumentation auf der Grundlage von Interessen und Bedürfnissen unserer Mitwesen.

In der Philosophiegeschichte wurde Frauen und nicht weißen Menschen lange Zeit Vernunft abgesprochen. So wie sie lange auch den Tieren abgesprochen wurde. Doch weiß die Menschheit seit Langem um die kognitiven, sozialen und intellektuellen Fähigkeiten von Tieren – und zwar aller Arten: Landlebewesen, Wassertiere und Vögel. Sie kennen Fürsorge, Partnerschaft, gegenseitige Hilfe, haben ein Bewusstsein von sich und der Welt und sind in der Lage, die Möglichkeiten des Lebens als positives Ganzes anzunehmen und zu „genießen“. Und selbst bei „niederen“ Tieren wie Insekten entdecken wir soziale Funktionen und Interaktionsprinzipien, die für unsere Bewertung von Bedeutung sind. Bei aller Schwierigkeit, mit menschlichen Begriffswelten die Innenwelt der Tiere zu beschreiben, belegt die Forschung immer wieder die soziale Komplexität des Verhaltens von Tieren und ihre Fähigkeit zur Interaktion miteinander, mit anderen Arten und der Umwelt. Zwar sind wir geneigt, eher jenen Tieren mit mehr Respekt zu begegnen, deren komplexe kognitive und soziale Leistungen uns zugänglich (weil uns ähnlicher) sind. Andere Arten bezeichnen wir als „einfach“, denken darüber nach, mehr Insekten zu essen, Schnecken, Muscheln, Krill oder derlei „minderwertiges Getier“ zu verwerten. Dies ist ein immer wieder aufscheinender Beleg dafür, dass auch in unserer beginnenden Selbstaufklärung die erlernte Diskriminierungsratio stets wirksam ist. Dennoch ist die Wahrnehmung der Ähnlichkeit, welche Tiere mit uns haben, ihrer Empfindsamkeit, ihrer Freude und ihrer Angst ein guter Einstieg in eine Selbstüberprüfung. Die Empathie bringt viele Menschen dazu, darüber nachzudenken, inwieweit sie Teil des Massenmordens sein wollen. Und auch wenn die Höllenorte des Massenmordes vor uns verborgen werden, so wissen wir um sie und können sie nicht leugnen. „Wir haben es nicht gewusst“, ist keine haltbare Position in Anbetracht der Aufklärung, welche Tierschützer weltweit leisten.

Der französische Philosoph Jacques Derrida (1830-1904) näherte sich der Thematik ganz anders als Singer und Regan. Er zeigte auf, dass bereits das Begriffspaar „Mensch – Tier“ in der Entgegensetzung eine Abwertung der Tiere beinhaltet. Die definitorische Abgrenzung von den Tieren dient uns Menschen als Selbstbestimmung und erlaubt erst die Diskriminierung und Ausbeutung der Tiere, die per Definition das unterlegene, das nichtmenschliche Andere sind. Derridas Dekonstruktion der Begriffe ist auch heute eine Hilfe beim Verständnis der historischen Entwicklung der Trennung von Mensch und Tier. Wie können wir uns so anders sehen - wo uns Menschen doch nur wenige Gene von Tieren unterscheiden und wir jenseits einiger Fähigkeiten den Tieren eher gleich als fremd sind.

Mord und Totschlag
Totschläger ist, wer vorsätzlich einen Menschen tötet. Im Strafrecht für Menschen wird aus einem „einfachen“ Totschlag (§212 STGB) dann ein Mord (§211 STGB), wenn bestimmte Merkmale hinzukommen: „Mörder ist, wer aus Mordlust, zur Befriedigung des Geschlechtstriebs, aus Habgier oder sonst aus niedrigen Beweggründen, heimtückisch oder grausam oder mit gemeingefährlichen Mitteln oder um eine andere Straftat zu ermöglichen oder zu verdecken, einen Menschen tötet.“

Auf Tiere als leidensfähige Mitwesen angewendet, würde durch das Habgiermotiv (Verwertung des Lebewesens zu Ernährungszwecken und als Rohstofflieferant) und die Grausamkeit der Tötungen (Bolzenschuss, Kehlschnitt, Vergasung, Elektroschocks, aber auch bereits die vorausgehenden Haltungsformen und Transporte etc.) aus dem Totschlag ein Mord. Nur die Unterscheidung zwischen Menschen und Tieren im Hinblick auf ihre unveräußerlichen Rechte verhindert die Anwendung solcher Gesetze und zieht auch in der Wahrnehmung der Menschen eine willkürliche Grenze zwischen den Arten. Die Taten an sich unterscheiden sich nicht. Ob ein Mensch ermordet wird oder ein Tier ist in der Sache das Gleiche. Es wird einem leidensfähigen Wesen mit Gewalt und Grausamkeit die Lebendigkeit entrissen. Allein unsere speziesistische Prägung macht uns blind für die Wahrnehmung der Monstrosität unserer Handlungen.

Tierschutzgesetze und Tiernutzgesetze
Vermeintlich sollten Regelungen des Tierschutzgesetzes dazu dienen, Leid von Tieren abzuwenden und deren Haltung artgerechter und die Tötung weniger grausam zu gestalten. „Die einzige Strafvorschrift des Tierschutzgesetzes findet sich in § 17 Tierschutzgesetz (TierSchG). Mit ihr soll tierschutzwidriges Verhalten geahndet werden. Strafbar sind die ungerechtfertigte Tiertötung sowie die rohe und quälerische Misshandlung von Tieren. Geahndet wird die vorsätzlich begangene Tierquälerei. Ein bloßer Versuch der Tat sowie eine fahrlässige Tat sind nicht strafbar gemäß § 17“, fasst es der Deutsche Tierschutzbund zusammen. Problematisch ist, dass diese Rechtsnorm so gut wie nicht angewendet wird – und auch nicht angewendet werden kann. Die „rohe und tierquälerische Misshandlung“ ist die Regel in der Nutztierhaltung. Alle in Politik und Gesellschaft wissen das. Und die Mandatsträger haben mit der Ausformung des Gesetzes die Missstände als akzeptierten illegalen Standard festgeschrieben.

Das Tierschutzgesetz ist in Deutschland derzeit ein reines Tiernutzgesetz. Seine Regelungen sind nicht detailliert genug, um daraus klare Vorschriften ableiten zu können. Und schlimmer noch: Es gibt kein Verbandsklagerecht, also keine Chance für beispielsweise Tierschutzorganisationen Fälle von Tierquälerei gerichtlich zu verfolgen. Der Deutsche Tierschutzbund schreibt dazu: „Unter dem Strich weisen das Tierschutzgesetz und sein Vollzug erhebliche Mängel auf. Zum einen sind die Vorschriften des Gesetzes und nachgeordneten Regelungen oft unvollständig, auslegungsbedürftig, das heißt, unklar oder der Schutz, der den Tieren gewährt wird, ist schlicht nicht ausreichend um ihr Wohlbefinden sicherzustellen.

Hinzu kommt, dass es zwar möglich ist, tierschutzwidrige Zustände bei der Behörde/Polizei anzuzeigen und um deren Einschreiten zu ersuchen. Eine Möglichkeit, die Vorschriften des Gesetzes direkt vor Gericht durchzusetzen, haben Tierschützer jedoch nicht. Wenn die Behörden nicht eingreifen, bleiben die Tiere schutzlos. Daher fordern wir ein Verbandsklagerecht im Tierschutz.

Auch nach der Änderung des Tierschutzgesetzes - die der Bundestag 2012 beschlossen hat und das am 13. Juli in Kraft getreten ist - bleibt es eher ein „Tiernutzgesetz": Das ursprünglich geplante Schenkelbrandverbot bei Pferden wurde gestrichen, die unbetäubte Kastration von Ferkeln soll noch bis 2019 erlaubt sein. Auch die Spielräume, die die EU-Tierversuchsrichtlinie bot, wurden nicht genutzt. In dem Gesetzesentwurf ist weder die Förderung von Alternativmethoden zu Tierversuchen festgeschrieben, noch gibt es ein konsequentes Verbot von Versuchen an Menschenaffen.“

Das Deutsche Tierschutzgesetz ist in seiner Lückenhaftigkeit und durch die nicht gegebene Durchsetzbarkeit durch zivile Klagepartner ein reines Schutzgesetz für die Fortsetzung von Massenmord und Tierquälerei in der Lebewesenverwertungsindustrie.

Es gibt viele tragfähige philosophische Konstruktionen, die ohne Empathie für unsere Mitwesen auskommen und ihnen dennoch unveräußerliche Rechte zuweisen: Freiheit, Unversehrtheit und das Recht zur Entfaltung eines artgerechten Lebens. Darüber hinaus gibt es viele Ansätze, die auf der Wahrnehmung der Empfi ndsamkeit von Tieren und ihrer Bedürfnisse basieren – also sowohl einen kognitiven als auch einen empathischen Impuls als Ausgangsmoment haben. Auch aus der empathischen Perspektive ist es schwer möglich, die diskriminierende Trennung zwischen Mensch und Tier aufrecht zu halten und schlechterdings unmöglich, mit dem Massenmorden fortzufahren.

Die Zeiten ändern sich. Die Philosophin und Autorin Hilal Sezgin, die in Frankfurt Philosophie studierte, beschreibt es in ihrem Werk „Artgerecht ist nur die Freiheit“: „Die Philosophen und Philosophinnen, die in den 1970er und 1980er Jahren über unsere Pfl ichten gegenüber Tieren nachzudenken begannen, mussten sich oft noch rechtfertigen: Warum sollten Tiere moralisch überhaupt zählen?“ Sezgin stellt eine starke Veränderung fest, welche das Denken und Handeln der Gesellschaft bis hin zum Massentierhalter zu beeinfl ussen beginnt. Die Fragestellung hat sich verändert. Heute lautet die zentrale Frage: „Worin bestehen ihre Interessen, wie sieht ein vollständiges oder gutes Leben für Tiere aus, und inwieweit dürfen wir dies beeinträchtigen oder gar beenden?“

Wir stehen am Anfang einer globalen sozialen und ethischen Veränderung. Die Überwindung unterschiedlicher Diskriminierungsformen hat begonnen. Der Rassismus erlebt zwar eine neue Blüte in einigen Ländern, doch ist das Bewusstsein von der Gleichheit der Menschen in ihrer Unterschiedlichkeit dabei, unsere Sicht auf die Welt zu verändern. Auch das Ende der Diskriminierung aufgrund der Zugehörigkeit zum weiblichen Geschlecht hat begonnen. Eine Umkehr wird es nicht mehr geben können. Eine neue Gleichberechtigung der Geschlechter wird sich entwickeln. Diese wird vermutlich nicht mehr das Streben nach einer „Gleichbehandlung“ der Geschlechter sein, sondern die Gleichberechtigung unter Berücksichtigung der Unterschiedlichkeit und der individuellen Bedürfnisse und Wünsche der Geschlechter und Personen weiterentwickeln. Die modernen Gesellschaften haben sich der Überwindung von Rassismus und Sexismus angenommen und werden damit noch lange beschäftigt sein. Dennoch fi nden nun auch neue Sichtweisen auf das Verhältnis des Menschen zu den Tieren immer mehr Raum in der öffentlichen Diskussion wie in der privaten Reflektion. Die Hoffnung scheint berechtigt zu sein, dass immer mehr Menschen den nächsten Schritt einer sozialen Evolution hin zu einer auch tiergerechteren Gesellschaft machen und intensiv nachdenken über die Befreiung der Tiere.

Tierwohllabel
Mit der wirtschaftsschädlichen Diskussion um die Haltungsbedingungen von Tieren in der Lebewesenverwertungsindustrie erkannten unterschiedliche Marktteilnehmer wie auch die Bundesregierung die Notwendigkeit, öffentlichkeitswirksame Maßnahmen zu entwickeln, um der beginnenden Sorge der Verbraucher um das Leid der verwerteten Lebewesen zu begegnen. Das Ergebnis sind „Tierwohl-Label“, die bei oberfl ächlicher Betrachtung eine Verbesserung der Situation für viele Lebewesen in Verwertungshaft darstellen, allerdings in erster Linie und im gleichen Atemzug die Tierquälerei in verschiedenen Stufen der Grausamkeit legitimiert und bagatellisiert. Selbst der Deutsche Tierschutzbund beteiligt sich an dem zynischen Geschäft. Zitat DTB: „Mit dem Tierschutzlabel "Für Mehr Tierschutz" des Deutschen Tierschutzbundes werden Produkte tierischen Ursprungs gekennzeichnet, denen Tierschutzstandards zugrunde liegen, die für die Tiere einen wirklichen Mehrwert an Tierschutz gewährleisten.“

Die Wirklichkeit des Labels: Das zweistufi ge Label für Hühnerhaltung sieht in der ersten Stufe vor, dass höchstens 17 Hühner (25 Kilo Huhn) pro Quadratmeter gehalten, in der „Premium“- Label-Klasse sind es dann „nur“ noch 15 Hühner pro Quadratmeter. Zwei fundamentale Probleme offenbaren sich hier: Zum einem wird die nicht artgerechte Haltung durch vermeintliche Labels nun auch von „Tierschützern“ legitimiert. Denn Hühner brauchen für ein artgerechtes Leben ein recht großes Areal und zum Ausleben ihrer physischen und sozialen Bedürfnisse gänzlich andere Bedingungen. Zum anderen steckt in allen „Tierwohl-Labels“ die grundsätzliche Legitimation von Massentierhaltung unter fragwürdigsten Umständen und die grausame Tötung der Tiere nach einem Leben voller Misshandlung und Entwürdigung.

Noch fragwürdiger als das Label des Deutschen Tierschutzbundes ist das Tierwohllabel der Bundesregierung. Es ist nichts anderes als eine gezielte Irreführung der Bevölkerung und belegt die enge Beziehung zwischen Politik und Tierverwertungswirtschaft. Es räumt den Tieren ein paar Zentimeter mehr Platz ein und wendet sich gegen das unbetäubte Kupieren von Schweineschwänzen. Die nicht artgerechte Haltung, die Misshandlungen sind aber bereits im Tierschutzgesetz verboten. Das Tierwohllabel schafft nun etwas ganz Groteskes: Es tut so, als würde es Verbesserungen für die Tiere bewirken, macht aber genau das Gegenteil, indem es defi niert, was dem „Tierwohl“ entspricht. Und die Definitionen des Labels sind insgesamt und in jedem Detail ein eklatanter Widerspruch gegen eine artgerechte Haltung und eine misshandlungsfreie Behandlung. Was entsteht durch also durch solche Label? Es ist die einfache und zynische Logik: „Tierwohllabel“ sind die Legitimation von Grausamkeit und Verwertung und damit ein strategisches Mittel der Industrie zur Entkräftung von Einwänden gegen den millionenfachen tierquälerischen Missbrauch unserer leidensfähigen Mitwesen. Ein juristisches Gutachten entlarvt das Bundeslabel in vielen Details als irreführend und tierfeindlich*.

Tierfreundlich töten?
Aus dem wachsenden Markt für Bio-, Nachhaltigkeits- oder auch Tierwohlprodukte, deren Erfolg darin liegt, „sensibleren“ Menschen ihre Vorbehalte gegenüber Tierquälerei zu nehmen, kommen immer wieder neue Marketing-Initiativen. Eine der bizarrsten ist der Trend zum „tierfreundlichen Töten“. Bereits der Begriff offenbart das Dilemma und ist ein groteskes Beispiel für ein tierfeindliches Neusprech. Töten ist immer der Prozess, bei dem einem Lebewesen, dessen stärkster Antrieb das Überleben ist, gegen dessen Willen seine Lebendigkeit mit Gewalt entrissen wird. „Tierfreundliches Töten“ gibt es nicht. Schon gar nicht zum Zwecke der Verwertung des Lebewesens. Allenfalls gibt es die empathische Erlösung eines Mitwesens (gleich ob Mensch oder Tier), das in unheilbarer Krankheit und Schmerz kurz vor dem Tod steht und durch die Erlösung in den letzten Phasen einer Agonie von Qual befreit wird, um den unvermeidlichen Tod eintreten zu lassen.



Leseempfehlungen:
Peter Singer: Die Befreiung der Tiere
Tom Regan: Defending Animal Rights
Friederike Schmitz: Tierethik: kurz und verständlich (mit vielen weiterführenden Quellen)
Hilal Sezgin: Artgerecht ist nur die Freiheit. Eine Ethik für Tiere oder Warum wir umdenken müssen

Weblinks:

Das „Tierschutzlabel“ des Deutschen Tierschutzbundes.
„25 Kilo Hühnermasse pro Quadratmeter“ www.tierschutzlabel.info

*Gutachten zum Tierwohllabel der Bundesregierung
www.greenpeace.de/sites/www.greenpeace.de/fi les/publications/gutachten_tierwohl-label.pdf

PETA Deutschland e.V: www.peta.de
Animal Rights Watch: www.ariwa.org


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