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// Wirtschaft
12.08.2019
Von: bg

Umbruch im Hafen - Kommen bald die vollautomatischen Containerterminals?


Umbruch im Hafen Kommen bald die vollautomatischen Containerterminals? (Foto: Harald Schmidt/shutterstock.com)

Umbruch im Hafen Kommen bald die vollautomatischen Containerterminals? (Foto: Harald Schmidt/shutterstock.com)

Die Hafenwirtschaft befindet sich im Umbruch. Hafenlogistiker stehen unter hohem Konkurrenzdruck und müssen, um wettbewerbsfähig zu bleiben, aufrüsten. Denn die Reedereien und der Handel stellen neue Anforderungen an Größe und Umschlagzeiten der Terminals. Die Digitalisierung und Automatisierung von Hafenbetrieben beeinflussen Logistik und Arbeitsabläufe maßgeblich. Die Veränderungen vernichten und schaffen gleichzeitig Arbeitsplätze. „Es kommen immer größere Schiffe, aber es bleibt immer weniger Zeit, sie abzufertigen. Das erfordert ein großes Maß an Flexibilität“, sagt Steffen Leuthold, Leiter der Unternehmenskommunikation des Bremer Logistikunternehmens Eurogate.

Häfen in Singapur, Rotterdam und Dublin sind schon lange teilautomatisiert. Auch in Deutschland ist der Hamburger Container Terminal Altenwerder (CTA) Teil dieser Entwicklung. Seit 2016 sind hier sogenannte Automated Guided Vehicles (AGV) unterwegs. Sie transportieren Container durch den Hafen und das vollautomatisch, ganz ohne Fahrer. Mittlerweile werden sie elektrisch durch Lithium-Ionen-Akkus angetrieben und können leere Akkus eigenständig zu den Ladestationen bringen, um sich einen frischen Akku zu holen. Auch Eurogate erprobt die neue Technik: Innerhalb des Pilotprojekts STRADegy testet das Unternehmen den Einsatz von personenlosen Straddle Carriern im Container Terminal in Wilhelmshaven. Dabei handelt es sich um Portalhubwagen, die sich vollautomatisch durch den Hafen bewegen und Container von A nach B bringen. Seit Januar 2019 läuft die Erprobung dieser Fahrzeuge, um deren Möglichkeiten speziell für die deutschen Containerterminals der Eurogate-Gruppe in Bremerhaven, Hamburg und Wilhelmshaven auszuloten. „Die Tests sollen Ende 2019, Anfang 2020 abgeschlossen werden. Erst dann haben wir aussagekräftige Ergebnisse und können entscheiden, ob wir diese Technologie einführen oder nicht“, sagt Steffen Leuthold. Neben den 4-hoch-Straddle Carriern – das sind Portalhubwagen, die bis zu vier Container übereinander stapeln können – liefert der Hersteller Kalmar auch die nötige Software für die Programmierung und Bedienung der Geräte. Anhand des Terminal Operation System (TOS) weiß der Carrier, wo welcher Container steht und wo er hin muss. Daneben gibt es auch das Kalmar Terminal Logistics System (TLS), welches die Aufträge empfängt, diese abarbeitet und überwacht. Besonders interessant: das System kann autonom Prozesse anhand diverser Kriterien optimieren. So gibt es Informationen weiter, welche beispielsweise die ideale Route über das Hafengelände vorgeben und so einen hohen Grad an Effizienz ermöglichen.

Automatisierung zieht auch Veränderungen in der Arbeitswelt mit sich. Neue Arbeitsfelder entstehen und alte verschwinden, obwohl die eigentliche Aufgabe erhalten bleibt. Dies macht neue Ausbildungsmöglichkeiten nötig, um neues wie auch bereits bestehendes Personal zu schulen. „Die Berufsbilder im Hafen werden sich durch die Automatisierung ein Stück weit verändern. Während die jetzt zu testende Technologie den Straddle Carrier-Fahrer mittelfristig ablösen könnte, steigt gleichzeitig der Bedarf an Systemingenieuren und IT-Experten. Diese Berufsgruppen teilen wir uns aber mit allen anderen Wirtschaftsbranchen, was die Bewerberlage nicht gerade einfacher macht“, sagt Leuthold. Weitere Automatisierungen von anderen Fahrzeugen und Bereichen sind allerdings nicht vorgesehen. „Unsere Brücken bleiben bemannt. Wie auch alle anderen Dienstleistungen im Yard“, erklärt er.

In einer Studie der Forscher Daron Acemoglu vom Massachusetts Institute of Technology (MIT) und Pascual Restrepo von der Boston University wurden Daten von amerikanischen Unternehmen ausgewertet, die viele ihrer Prozesse automatisierten. Das Ergebnis: Technik wird die menschliche Arbeit ergänzen, nicht ersetzen. Überwachung, Wartung und Programmierung gewinnen an Wert. Spezifische IT-Kenntnisse sind gefragt und so mancher alter Hase muss erneut die „Schulbank“ drücken. Im „Tarifvertrag Zukunft – Automatisierung sozial und mitbestimmt gestalten -“ zwischen der Eurogate und ver.di legt das Unternehmen verschiedene Ziele fest, um ihre Mitarbeiter auf die anstehende Automatisierung und Digitalisierung vorzubereiten. „Dieser Vertrag ist ein wichtiger Meilenstein“, erklärt Leuthold und fügt hinzu: „Er gibt sowohl dem Unternehmen als auch allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern den Orientierungsund Handlungsrahmen für Automatisierungs- und Digitalisierungsprozesse vor und schafft somit Sicherheit für alle Beteiligten.“ Unter anderem sind der „Transfer und Erhalt von Know-how“, „Qualifizierung“ und „Beschäftigungssichernden Maßnahmen“ maßgebliche Themen, um die Fortführung des Beschäftigungsverhältnisses zwischen Arbeitnehmer und Arbeitgeber zu gewährleisten. In einem Interview auf nord24.de sagte Ulrike Riedel, Arbeitsdirektorin von Eurogate: „Sicherlich wird nicht jeder alles lernen können. Das heißt aber nicht, dass eine Qualifizierung nicht möglich ist.“

In dem Tarifvertrag von Eurogate wird die Automatisierung noch einmal genau definiert und ein möglicher Ausblick auf die Arbeitsplatzsituation gegeben. „Die Automatisierung einer Anlage oder Maschine hat zur Folge, dass diese ganz oder teilweise ohne menschliche Mitwirkung bestimmungsgemäß arbeitet. Unter den Begriff der Automatisierung im Sinne dieses Tarifvertrags fallen daher arbeitgeberseitig veranlasste Änderungen der Arbeitstechnik und/oder der Arbeitsorganisation durch Übertragung von Funktionen vom Menschen auf künstliche Systeme, die zu weniger Personalbedarf, veränderten Arbeitsanforderungen oder geänderten Arbeitsbedingungen für 10 % der von der Automatisierungsmaßnahme direkt oder indirekt betroffenen Arbeitnehmern führen können.“

Komplett menschenleer werden die Terminals also nicht sein. Zu dem komplexen Thema hat Eurogate bereits eine Automatisierungskommission eingerichtet. Sie wird künftig bei Automatisierungsmaßnahmen über nachhaltige Personalkonzepte der Arbeitgeber beraten und sie gegebenenfalls mit den Arbeitgebern überarbeiten. Ziel ist es dabei, bestehende Beschäftigungen zu sichern. Damit ein Arbeitsverhältnis bestehen bleiben kann, müssen die Arbeitnehmer neue Qualifikationen erwerben. Durch gezielte Fortbildungsmaßnahmen sollen Fähigkeiten und Fertigkeiten aufgebaut, erhalten und ausgebaut werden, um die neuen Techniken bedienen, überwachen und warten zu können. „Die Kosten für die Zusatzqualifikationen übernimmt das Unternehmen“, sagt Steffen Leuthold.

Auch beim Arbeits- und Gesundheitsschutz entstehen neue Anforderungen im Zusammenhang mit der Automatisierung. Mit dem Wechsel der Tätigkeit entstehen neue Belastungen – einschließlich neuer psychischer Beanspruchungen. Dies gilt vor allem für den Wechsel von überwiegend körperlicher Tätigkeit hin zu überwachender steuernder Bildschirmarbeit. Sollte der Arbeitnehmer durch Automatisierung gezwungen sein, einen Ortswechsel vornehmen zu müssen, steht ihm eine Ausgleichszahlung zu. Wird das Arbeitsverhältnis aufgrund von Automatisierungsmaßnahmen durch Kündigung oder Aufhebungsvertrag beendet, erhält der Arbeitnehmer eine Abfindung.

„Die Hafenwelt hat Privilegien, der Hafentarif liegt gegenüber der Fläche deutlich höher. Um das wirtschaftlich tragen zu können, muss es den Terminals operativ und finanziell gut gehen. Allerdings stagnieren die Umschlagsmengen in Deutschland seit einigen Jahren bei sinkenden Raten und steigenden Lohnkosten. Um weiterhin konkurrenzfähig zu bleiben, müssen wir den Grad der Automatisierung und Digitalisierung an unseren Terminals erhöhen. Nach den Tests wissen wir, wie unser Weg zu diesem Ziel und in die Industrie 4.0 aussehen kann“, schließt Leuthold ab.


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